Ein Buch ist ja keine Drehorgel, womit uns der Invalide unter dem Fenster unerbittlich die Ohren zermartert. Ein Buch ist sogar noch zurückhaltender, als das doch immerhin mit einer gewissen offenen Begehrlichkeit von der Wand herabschauende Bildnis. Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht gerade zwischen die Kiefern steckt, den beißts auch nicht.

Wilhelm Busch deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

By , on August 17, 2009

Allgemein



Irgendwie ist ein Irgendwo immer wie ein Nirgendwo.
Michael Schmidt gehört zu den wichtigsten deutschen Fotografen, jedenfalls sieht man das im Ausland so beziehungsweise im Museum of Modern Art, New York, wo Schmidt als erster lebender deutscher Fotograf eine Einzelausstellung ausgerichtet bekam. Die neue Bildserie “Irgendwo” ist Ergebnis einer Reihe von Reisen, die Schmidt gemeinsam mit seiner Frau im Wohnwagen unternommen hat, um der deutschen Provinz ein gültiges Antlitz abzutrotzen.

In einer eindrucksvollen Serie vereint er neben romantischen Ecken, die provinztypischen Unorte wie Parkplätze, Supermärkte, Neubausiedlungen. Das Buch darf sich rühmen, eines der ganz konsequenten Künstlerbücher des Fotografen Michael Schmidt zu sein, der noch in diesem Jahr seinen sechzigsten Geburtstag begehen wird.Michael Schmidts Fotografie zeichnet der Umstand aus, daß ein Irgendwo immer wie ein Nirgendwo ist. Schmidt stellt Serien von Fotografien zu Büchern und zu Ausstellungen zusammen. Seine Vorstellung von Fotografie hat allerdings wenig mit einer Kennzeichnung zu tun, eher schon zeichnet er Bild um Bild dokumentarisch einen Ort, Unorte, die Bewohner auf. Das sind tastende Bewegungen, die mitunter schroff das ganze Prozedere über den Haufen werfen wollen, weil sie immer ein wenig von Ungeduld bestimmt sind.
Mit seinem Projekt “Irgendwo” zielt Michael Schmidt direkt in das “dunkle Herz” Deutschlands, wenn diese Conradsche Metapher überhaupt angebracht ist. Denn hier ist die Massenarchitektur, das Heimelige, die absolute Provinz, hier sehen Menschen – auch nicht anders aus als in Berlin. Und doch verströmen sie auf den Fotos von Michael Schmidt eine Stimmung, die tief und dunkel an etwas rührt, was auszuschließen oberstem Verfassungsrang gleichkommt. Wenn man dann Michael Schmidt fragte, was ihn umgetrieben hat, kann unversehens ein anekdotisches Miteinander entstehen, das alle dunklen Momente im Nu auflöst.
Die beinahe epochal gleichgültig wirkenden Bilder und Bücher der “Waffenruhe” oder “EIN-HEIT” haben Michael Schmidt in die vorderste Linie der deutschen Fotografen geführt. Er hat überhaupt die erste Einzelausstellung eines deutschen Fotografen im Museum of Modern Art in New York ausgerichtet bekommen; mittlerweilen sind eine zweite sowie zahlreiche Beteiligungen an wichtigen Fotoausstellungen dazugekommen.

Michael Schmidt: Irgendwo

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